Hast Du Schlangen vertrieben ?

Aus der „Vita posterior“ wird die Episode II und III gelesen. Der Verfasser der „vita posterior“ war ein Zurzacher Mönch und lebte vermutlich um das Jahr 1000.

(II) Nach vielen Zeichen und Wundern, die der Herr durch seine Dienerin Verena in ihrer Zelle in Solothurn wirkte, wanderte die Jungfrau der Aare nach weiter bis zu ihrem Zusammenfluss mit dem Rhein. Dort fand sie, wie schon gesagt, eine ansehnliche Insel, wo die beiden Flüsse zusammenfliessen. Es gab darauf unzählige Schlangen, so dass sie ihr Haupt nicht niederlegen konnte. Da begann sie zum Herrn zu beten. (…) Bald hörte die heilige Verena eine Stimme vom Himmel zu ihr sprechen: „Verena, der Herr hat deine Bitte dieser Schlangen wegen gehört und er wird täglich deine Gebete und alle deine Bitten hören, die du ihm vorträgst. Mach das Zeichen des Kreuzes über die Schlangen und befiehl ihnen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes von diesem Ort wegzugehen. Und jeder, der dich je in Bedrängnis zu Hilfe rufen wird, wird von der Not, die ihn bedrückt, befreit.“ Die heilige Jungfrau aber, streckte die Hand aus und machte das Zeichen des Kreuzes gegen die Schlangen. Sie flohen alle über das Wasser hin und keine mehr erschien. Die heilige Verena sah die Flucht der Schlangen und sprach: „Ich lobe und verherrliche deinen Namen, o Gott!“ (…)

(III) Daraufhin kamen zu ihr viele Kranke, Blinde und Lahme, und sie pflegte sie. Und es kam zu ihr eine arme Frau mit dem Sohn auf den Schultern, welcher blind und lahm war. Sie warf ihn der heiligen Jungfrau vor die Füsse und sprach: „Heilige Jungfrau Verena, ich bitte Dich um der Liebe Gottes willen meinem Sohn zu helfen, denn er ist blind und lahm.“ Verena antwortete: „Was soll ich mit ihm tun?“ Die Frau erwiderte: „Heilige Jungfrau, mach das er sieht und geht, denn ich kann ihn nicht tragen. Da breitete sich die Jungfrau auf dem Boden in Kreuzesform aus und betete zu Gott. (…) Alsdann erhob sich das Kind, sah und ging gesund einher.

 Sprecher:Sie hat Schlangen vertrieben und Kranke geheilt. Gut, genau genommen nicht sie, es war Gott. Er hat ihr Gebet erhört, die Schlangen vertrieben und die Kranken geheilt. Aber auch so … Schlangen vertreiben, Kranke heilen … .
 Wer soll das glauben? Wenn sie hier wäre, ich würde sie fragen, wie war das damals? Hast Du Schlangen vertrieben, Verena? Hast Du Kranke geheilt?
Verena:Nein!
Sprecher:Nein? Also alles erfunden? Fromme Märchen? Lügen?
Verena:Aber Nein!
Sprecher:Nein? Was nun? Hast Du Schlangen vertrieben oder hast Du nicht?
Verena:Nein ich habe nicht und … doch ich habe. Weißt Du nicht, dass es Geschichten gibt, die wahr sind, obwohl sie nie geschahen?
Sprecher:Wie? Nie geschehen und trotzdem wahr?
Verena:Ja, so ist es mit vielen Geschichten über Gott und seine Heiligen. Wer das versteht, versteht die Legenden um mein Leben.
Sprecher:Nie geschehen und trotzdem wahr?
Verena:Ja!
Sprecher:Dann hast Du keine Schlangen vertrieben und keine Kranken geheilt?
Verena:Ich sagte Dir, ich habe und ich habe nicht.
 Die Schlangen, die ich vertrieb, trugen alle denselben Namen. Sie hiessen „Angst“. Angst vor dem Tod, Angst alleine zu sein, Angst nicht zu genügen, Angst vor Schmerzen, Angst vor den Menschen, Angst vor einem strengen Gott... . Alles Schlangen!
Sprecher:Dann bist Du den Menschen in ihrer Angst beigestanden. Du hast die Angst vertrieben. Die Schlange mit dem Namen „Angst“. Und was ist mit den Kranken?
Verena:Angst lähmt und sie macht blind? Wo die Angst vergeht, werden Lahme gehend und Blinde sehen.
Sprecher:Was hast Du getan, damit die Angst verging?
Verena:Nun, ich war Mitmensch, und ich habe das Gebot des Herrn ernst genommen.
Sprecher:Du meinst die Liebe?
Verena:Die Liebe, ja!
Sprecher:Und damit hast Du die Kranken geheilt?
Verena:Nur Gott heilt.
Sprecher:Gut, aber er heilte weil Du gebetet hast, aus Liebe.
Verena:Nein, weil er liebt! Aber, es braucht Menschen, die diese Liebe sichtbar machen. Menschen, die sich anderen zuwenden, helfend und betend. Sie muss sichtbar werden, diese Liebe. Wer würde sonst an sie glauben?
Sprecher:Es geht also um die Liebe. Auch bei dieser Geschichte von den vertriebenen Schlangen.
Verena:Ja, um die Liebe Gottes zu den Menschen. Durch die Geschichte von den Schlangen soll diese Liebe Gottes erzählbar und anschaulich gemacht werden.
Sprecher:Aber genau das geschieht nicht, heute nicht mehr. Wir hören die Geschichte und verstehen sie nicht. Wir sehen sie als Gemälde und erkennen nicht, was das Bild bedeutet. Heute gilt nur, was belegbar und datierbar ist.
Verena:Dann sorg doch dafür, dass diese Geschichte gilt, dass sie bezeugt und datiert werden kann.
Sprecher:Ich? Wie?
Verena:Ja, Du! Und wie? Du bist doch ein Christ. Sei ein Mitmensch und nimm das Gebot des Herrn ernst.
Sprecher:So vertreibe ich Schlangen.
Verena:Du wirst es sehen. Die Schlange mit dem Namen „Angst“ wird weichen.
Sprecher:Hilfst Du mir?
Verena:Gott hilft! Lies die Legenden um mein Leben. Sie erzählen nichts anderes, als dass er hilft.
Sprecher:Aber du betest doch für mich.
Verena:Wenn du möchtest. Als ich da war, wo du jetzt bist, habe ich für die Menschen, gebetet. Ich bin keine andere geworden, seither. Ich bete, auch für Dich, wenn Du möchtest.
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Sprecher:Sie hat Schlangen vertrieben und Kranke geheilt. Es geschah hier vor vielen Jahren. Wie es genau war damals, das ist nicht so wichtig. Wichtig ist nur, dass es auch heute geschieht, dass diese Schlangen mit dem Namen „Angst“ auch heute vertrieben werden, und zwar hier.
 Von wem? Von ihnen, von mir… . Wir haben die Macht dazu. Wir sind Christen und dazu berufen, Mitmenschen zu sein und das Gebot des Herrn zu achten.
  
 UZ / 31. August 2005